Die Einschläge kommen näher

Nachdem bei meinem letzten Post Corona noch irgendein seltsames Vorkommnis in Asien war, hat es inzwischen die Schlagzeilen übernommen und auch schon einen mächtigen Einfluss auf Politik und Gesellschaft — und infolgedessen auch auf unseren Kulturbetrieb.

Nach dem augenblicklicken Stand der Dinge finden sowohl der „Goldfisch“ als auch „Frau Luna“ noch statt, aber die Betonung liegt ausdrücklich auf „noch“. Für Sina sind die letzten Aufführungen von „Rock of Ages“ schon so gut wie abgesagt und die Kofferfabrik (in der der „Goldfisch“ aufgeführt werden soll), hat alle Veranstaltungen bis Ende April gecancelt. Wir versuchen, guten Mutes und zuversichtlich zu bleiben, aber rechnen natürlich auch schon damit, dass unsere Produktionen ein Opfer von Corona werden.

Gleichzeitig schau ich auch aus dem Fenster hinaus auf die Straße. Sina und ich schließen schon Wetten ab, wann unser Brotherr seinen Bürostandort schließen und Home Office für uns obligat machen wird, und das ist nur halb im Spaß. Im Moment sind die Auswirkungen von Corona noch mild, aber die Einschläge kommen näher. Müssen wir wirklich damit rechnen, dass das öffentliche Leben auf Wochen oder Monate zum Erliegen kommen wird?

Gestern ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass die Sterberate bei Corona zwischen einem und drei Prozent liegt (das war mir vorher schon klar), und dass gleichzeitig damit zu rechnen ist, dass jeder in der Bevölkerung früher oder später damit infiziert werden wird: Niemand ist immun dagegen, und es gibt keinen wirksamen Impfstoff. Damit hätten wir bei ca. 80 Millionen Deutschen mit zwischen 800.000 und 2.5 Millionen Todesopfern zu rechnen. Die Idee allein ist ein Horror, und von daher gibt es allen Sinn, unnötigen Kontakt untereinander zu vermeiden, um die Ausbreitung zwar nicht zu stoppen, aber zu bremsen, bis wir hoffentlich bald hilfreiche Medikamente dagegen haben.

In den letzten Monaten und Jahren habe ich meine persönliche Philosophie entwickelt, dass wir in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Periode der Ruhe und Stabilität erlebt haben, die es uns schwer macht, mit gravierenden Änderungen umzugehen. In meinem Alter hatte meine Großmutter bereits zwei Weltkriege, drei Regimes und eine Weltwirtschaftskrise mit Hyperinflation hinter sich. Die größte Umwälzung, die ich in der gleichen Lebenszeit erlebt habe, war der Fall der Mauer, nach dem plötzlich überall Typen mit dem schrägen Akzent auftauchten, über den wir uns vorher nur lustig gemacht hatten — aber das war’s auch schon. Sogar 9/11 war etwas, das auf der anderen Seite des Globus stattgefunden hat. Stehe ich jetzt vor der ersten wirklichen Zäsur in meinem Leben? Wird das so ein einschneidendes Ereignis, ist nach Corona zum ersten Mal nichts mehr, wie es vorher war? Und wie reagiere ich darauf?

Und dann schaue ich ins Bad und sehe, dass die Wäsche mal wieder gemacht werden müsste.

 

 

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