Lagerkoller

Was ich diesem Drecks-Corona-Virus übelnehme ist, dass ich nicht einfach raus in den Wald kann zu einer vernünftigen Wanderung, oder zum Urlaub mit Rucksack und Zelt in die Cairngorms in Schottland, obwohl da mein Infektionsrisiko wohl geringer als in der City wäre.

Naja, First-World-Problems…

„Charaktertest“

Ab heute nacht wird es eine Ausgangsbeschränkung in Bayern geben.

Meine ganzen tollen Bühnenprojekte sind jetzt mehr denn je gefährdet — mit höchster Wahrscheinlichkeit werden wir sie nicht wie geplant umsetzen können, und es mag sein, dass sie komplett gekippt werden müssen. Ich werde mich mit Händen und Füßen dagegen sträuben, aber… Je nun.

In Anbetracht derer, die die Krise viel härter trifft — ernsthaft Erkrankte, Kleingewerbetreibende, die jetzt vor dem Ruin stehen — sind das natürlich nur Peanuts. Aber gleichzeitig denke ich wie unser Ministerpräsident*), dass das auch ein Charaktertest ist. Auch für uns brauen sich die dunklen Wolken am Horizont ja bereits zusammen, und dass auch uns etwas Schlimmeres als verschobene Premieren treffen wird, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Wir sind alle behütet aufgewachsen, und nur die Wenigstens von uns mussten sich jemals Sorgen über ihre Existenz machen. Vielleicht ist Corona ein Weckruf, aus unserer Behaglichkeit aufzuwachen und ein paar alte totgeglaubte Tugenden wieder hervorzukramen — die merkwürdige Mischung aus Eigenverantwortung und Solidarität. Improvisationstalent. Zähne zusammenbeißen, wenn’s wehtut. Sich ein Herz fassen und sich daran zu erinnern, was John Wayne gesagt hat:

Mut ist nicht, keine Angst zu haben. Mut ist, die Hosen gestrichen vollzuhaben und trotzdem den Gaul**) zu satteln.


*) von dem ich im Allgemeinen nicht viel halte, der sich aber wie auch unsere Kanzlerin in der Krise sehr wacker schlägt!

**) Natürlich hätte John Wayne nie von einem „Gaul“ gesprochen.

Lockdown

Seit heut mittag, 12:30 ist es amtlich: Bayern steht unter Ausgangsbeschränkung.

Oben das für mich bisher stärkste Bild zu Corona: Armeelaster in Italien, die Opfer von Covid zu außerhalb der Stadt gelegenen Krematorien fahren, weil die Kapazitäten in Bergamo erschöpft sind.

Bleibt gesund da draußen, und gebt auf einander acht!

„Failure is not an Option“

„Failure is not an Option“ ist eines der berühmtesten Zitate aus der Geschichte der Apollo-Missionen. Der Satz, der sich ungefähr mit „Ein Fehlschlag ist nicht drin“ übersetzen lässt, fiel, als Apollo 13 leckgeschlagen durch das Weltall trudelte und das Leben seiner drei Astronauten in der Schwerelosigkeit an einem seidenen Faden hing.

Auch wir sind mit „Frau Luna hat Besuch“ gerade an einem kritischen Punkt: Wegen des Corona-Viruses müssen links und rechts Veranstaltungen abgesagt werden.*) Noch zählen unsere Shows nicht dazu, aber ob wir zu den geplanten Terminen spielen können, ist noch nicht absehbar; die Lage ändert sich buchstäblich stündlich. Möglicherweise werden wir verschieben müssen, und dann wird es auch nach einer Aufhebung der Veranstaltungsverbote noch geraume Zeit dauern, bis die Lage sich normalisiert und Spielpläne wieder planbar sind. Dann müssen wir schauen, ob unser Team und Ensemble überhaupt noch verfügbar sind, oder ob Corona auch deren Zeitpläne über den Haufen geworfen hat.

Im Moment ist noch überhaupt nicht klar, wie’s weitergeht. Aber wir sind fest entschlossen, „Frau Luna“ auf die Bühne zu bringen. Wir machen weiter, als sei nichts geschehen, und versuchen, die Lage im Griff zu behalten, damit wir gegebenenfalls schnell reagieren können.

Failure is not an Option. Wir werden spielen.


*) Inzwischen ist in Bayern Katastrophenalarm gegeben worden.

 

Die Einschläge kommen näher

Nachdem bei meinem letzten Post Corona noch irgendein seltsames Vorkommnis in Asien war, hat es inzwischen die Schlagzeilen übernommen und auch schon einen mächtigen Einfluss auf Politik und Gesellschaft — und infolgedessen auch auf unseren Kulturbetrieb.

Nach dem augenblicklicken Stand der Dinge finden sowohl der „Goldfisch“ als auch „Frau Luna“ noch statt, aber die Betonung liegt ausdrücklich auf „noch“. Für Sina sind die letzten Aufführungen von „Rock of Ages“ schon so gut wie abgesagt und die Kofferfabrik (in der der „Goldfisch“ aufgeführt werden soll), hat alle Veranstaltungen bis Ende April gecancelt. Wir versuchen, guten Mutes und zuversichtlich zu bleiben, aber rechnen natürlich auch schon damit, dass unsere Produktionen ein Opfer von Corona werden.

Gleichzeitig schau ich auch aus dem Fenster hinaus auf die Straße. Sina und ich schließen schon Wetten ab, wann unser Brotherr seinen Bürostandort schließen und Home Office für uns obligat machen wird, und das ist nur halb im Spaß. Im Moment sind die Auswirkungen von Corona noch mild, aber die Einschläge kommen näher. Müssen wir wirklich damit rechnen, dass das öffentliche Leben auf Wochen oder Monate zum Erliegen kommen wird?

Gestern ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass die Sterberate bei Corona zwischen einem und drei Prozent liegt (das war mir vorher schon klar), und dass gleichzeitig damit zu rechnen ist, dass jeder in der Bevölkerung früher oder später damit infiziert werden wird: Niemand ist immun dagegen, und es gibt keinen wirksamen Impfstoff. Damit hätten wir bei ca. 80 Millionen Deutschen mit zwischen 800.000 und 2.5 Millionen Todesopfern zu rechnen. Die Idee allein ist ein Horror, und von daher gibt es allen Sinn, unnötigen Kontakt untereinander zu vermeiden, um die Ausbreitung zwar nicht zu stoppen, aber zu bremsen, bis wir hoffentlich bald hilfreiche Medikamente dagegen haben.

In den letzten Monaten und Jahren habe ich meine persönliche Philosophie entwickelt, dass wir in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Periode der Ruhe und Stabilität erlebt haben, die es uns schwer macht, mit gravierenden Änderungen umzugehen. In meinem Alter hatte meine Großmutter bereits zwei Weltkriege, drei Regimes und eine Weltwirtschaftskrise mit Hyperinflation hinter sich. Die größte Umwälzung, die ich in der gleichen Lebenszeit erlebt habe, war der Fall der Mauer, nach dem plötzlich überall Typen mit dem schrägen Akzent auftauchten, über den wir uns vorher nur lustig gemacht hatten — aber das war’s auch schon. Sogar 9/11 war etwas, das auf der anderen Seite des Globus stattgefunden hat. Stehe ich jetzt vor der ersten wirklichen Zäsur in meinem Leben? Wird das so ein einschneidendes Ereignis, ist nach Corona zum ersten Mal nichts mehr, wie es vorher war? Und wie reagiere ich darauf?

Und dann schaue ich ins Bad und sehe, dass die Wäsche mal wieder gemacht werden müsste.