Vorhang auf!

Wenn ihr das lest, sitze ich vermutlich gerade im beschaulichen Kipfenberg, in der geographischen Mitte Bayerns, und warte darauf, dass der Vorhang hochgeht — zur offiziellen Premiere von „100 Jahre Musical“.

Nachdem eine Art „Vorpremiere“ mit einzelnen Szenen aus dem Musical bereits letztes Wochenende stattgefunden hat (und von der örtlichen Presse sehr freundlich besprochen wurde), geht’s heute abend erstmals mit dem Gesamtprogramm in die Vollen. Immerhin kann ich mich relativ entspannt zurücklehnen und Andreas, Gitti, Karin und Tamás die Arbeit machen lassen!

Mitten auf die Presse

In Mörnsheim hat ja letztes Wochenende bereits die „Vorpremiere“ der „100 Jahre Musical“ stattgefunden. Der Donaukurier hat uns nun in seinem Feuilleton eine Rezension gewidmet — (Und natürlich war ich nicht mit auf der Bühne…)

Donaukurier_2018_06_05
Donaukurier vom 5.6.2018: Online-Version zum Nachlesen

„Sehens- und hörenswert, und man darf hoffen, dass sich dieses Kabarett-Wagnis noch vieler Zuschauer erfreut“ — Hätte schlechter ausfallen können, oder?

Erfahrungen, die man macht

Es ist ziemlich cool, mal wieder die eigenen Ideen in die Realität umgesetzt zu sehen, und es ist natürlich doppelt cool, wenn man das mit einer Gruppe Profis tun kann — denn dann ensteht manchmal eine besondere Art Magie. Als Beispiel:

Das Stück „100 Jahre Musical — 100 Jahre Freistaat Bayern„, bei dem ich am Wochenende die Proben besuchen durfte, ist eine durch Musical-Evergreens verbundene Szenenfolge großer und kleiner bayerischer Geschichte aus dem letzten Jahrhundert, für die das Libretto von mir stammt.

Eine der Szenen behandelt das Schicksal Ludwigs III., des letzten bayerischen Königs, der nach dem verlorenen Weltkrieg ins Exil geschickt wurde. Geschrieben hatte ich dafür eine Szene mit einem Dienstmädchen und einem Lakaien aus Ludwigs Hofstaat, die sich über die ungewohnte Erfahrung des Ex-Königs unterhalten, aus dem eigenen Land geworfen zu werden. So weit, so generisch und nicht besonders überraschend.

Als jedoch am Montag Gitti und Tamás als die beiden Domestiken die Szene probten, warf sich Gitti bei dem  — eigentlich auf die rebellischen Unteranen gemünzten — Satz „Wo bleibt denn da die Treue?“ urplötzlich Tamás an den Hals, und schmachtete ihn mit Kulleraugen an, und: Bamm! Auf einmal stand da eine gemeinsame Vergangenheit der beiden im Raum, eine abgekühlte Liebe und eine unverstandene Zurückweisung. Das spiegelte das nicht nur das Unverständnis des Monarchen über seine Absetzung 1:1, sondern verlieh auch zwei Pappcharakteren schlagartig Tiefe und Hintergrund. Und mit einem Mal funktionierte die Szene wunderbar.

Dies war einer jener magischen Momente, in denen soviel mehr in einem Skript stand, als mir beim Schreiben bewusst gewesen war, und in denen es zwei Profis schafften, dieses „Extra“ aus den Dialogen herauszuholen. Kein Wunder, dass Sina sagte, ich sei den übrigen Proben mit stellenweise grenzdebilem Grinsen gefolgt.

Hier übrigens nochmal der Facebook-Link zur Aufführung in Nürnberg. Eine Übersicht über alle Aufführungen der „100 Jahre“ gibt’s hier.

„Wer probt, verrät die Kollegen“

… sagt eine alte Theaterweisheit.

Nun, ganz so schlimm war es gestern auf der ersten Probe für die „100 Jahre Musical…“ dann doch nicht. 😉

Wir trafen uns bei Andreas, um das Stück zum ersten Mal in Form zu bringen: Unsere Cast besteht ja nur aus drei Sängern, die in einem guten Dutzend Szenen durch die wechselvolle Geschichte des Freistaats seit 1918 führen, so musste erst einmal festgelegt werden, wer welche Rollen und vor allem welche Gesangsparts übernimmt. Dabei haben wir dann noch manche Umstellungen vorgenommen: Ein paar Nummern fielen raus oder wurden ersetzt, weil sie nicht den Zusammenhang mit der Handlung hatten oder einfach am falschen Platz waren.

Ein Beispiel dafür ist das von mir ursprünglich so favorisierte „Springtime for Hitler“ aus den Producers, mit dem wir den zweiten Akt einläuten wollten, dessen Anfangsszene die Aufarbeitung der Nazizeit nach dem Krieg behandelt. Wenn man sich das Lied in der Inszenierung im 2005’er Film ansieht, wird aber recht schnell klar: Mit unseren bescheidenen Mitteln würde das einfach zu schwachbrüstig aussehen und nicht die Wirkung auf die Zuschauer entfalten, zumal an dieser Position: Die Leute kommen aus der Pause zurück, und wir müssen sie „abholen“ und ihre Aufmerksamkeit wieder ans Stück binden. Also, ab dafür, auch wenn’s „ein Pfund Fleisch nebst meinem Herzen“ war. An seiner Stelle haben wir „Der morgige Tag ist mein“ aus Cabaret aufgenommen, und zum Auftakt des Aktes so ein Gänsehautmoment (zumal mit Karins eindrucksvoller Stimme) — ich glaube, das wirkt noch besser, als „Springtime“ es hätte können.

Ich konnte dann auch unser „Thema“ für das Musical, das von Andreas komponierte Lied „Baju-Wahr“ erstmals live und mit Karins und Gittis Stimmen hören. Das war für mich ein persönliches Highlight, wie die drei meinen Zeilen Leben eingehaucht haben… Ich freu mich schon sehr darauf, das alles nochmal auf der Bühne zu hören!

Dann gab’s noch einen Readthrough der Dialoge, um auch hier die Rollenverteilung festzulegen und zu sehen, wo der Herr Vogt mal wieder zu langatmig oder hölzern war, aber hier bin ich (zu meiner Freude) ganz glimpflich davongekommen.

Nun stehen auch die Termine für die weiteren Proben: Insbesondere übers Pfingstwochenende wird das Team fleißig üben und studieren. Dann sollte einer erfolgreichen Tour nichts mehr im Wege stehen!

No Rest for the Wicked

Gestern landete eine neue Mail von Andreas in meinem Postfach. Darin enthalten war die Musik zu „Baju-wahr“, dem Lied, das uns als Thema für die Episoden in „100 Jahre Musical…“ dient.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Nummern der Produktion, bei denen es sich um Evergreens (und auch ein paar verborgene Perlen) der Musicalgeschichte handelt, ist „Baju-wahr“ komplett von Andreas Notenpult und meiner Feder. Für mich ist das ja immer noch ein Novum, da ich mit dem Liedtexten nicht allzuviel Erfahrung habe, aber die MIDI-Dateien, die mir Andreas geschickt hat, lassen mich schon sehr zuversichtlich werden.

Und zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Post im Web erscheint, sitze ich wohl mit Andreas und dem Rest des Teams bei unserer ersten Probe zusammen. No Rest for the Wicked… 😉