Erfahrungen, die man macht

Es ist ziemlich cool, mal wieder die eigenen Ideen in die Realität umgesetzt zu sehen, und es ist natürlich doppelt cool, wenn man das mit einer Gruppe Profis tun kann — denn dann ensteht manchmal eine besondere Art Magie. Als Beispiel:

Das Stück „100 Jahre Musical — 100 Jahre Freistaat Bayern„, bei dem ich am Wochenende die Proben besuchen durfte, ist eine durch Musical-Evergreens verbundene Szenenfolge großer und kleiner bayerischer Geschichte aus dem letzten Jahrhundert, für die das Libretto von mir stammt.

Eine der Szenen behandelt das Schicksal Ludwigs III., des letzten bayerischen Königs, der nach dem verlorenen Weltkrieg ins Exil geschickt wurde. Geschrieben hatte ich dafür eine Szene mit einem Dienstmädchen und einem Lakaien aus Ludwigs Hofstaat, die sich über die ungewohnte Erfahrung des Ex-Königs unterhalten, aus dem eigenen Land geworfen zu werden. So weit, so generisch und nicht besonders überraschend.

Als jedoch am Montag Gitti und Tamás als die beiden Domestiken die Szene probten, warf sich Gitti bei dem  — eigentlich auf die rebellischen Unteranen gemünzten — Satz „Wo bleibt denn da die Treue?“ urplötzlich Tamás an den Hals, und schmachtete ihn mit Kulleraugen an, und: Bamm! Auf einmal stand da eine gemeinsame Vergangenheit der beiden im Raum, eine abgekühlte Liebe und eine unverstandene Zurückweisung. Das spiegelte das nicht nur das Unverständnis des Monarchen über seine Absetzung 1:1, sondern verlieh auch zwei Pappcharakteren schlagartig Tiefe und Hintergrund. Und mit einem Mal funktionierte die Szene wunderbar.

Dies war einer jener magischen Momente, in denen soviel mehr in einem Skript stand, als mir beim Schreiben bewusst gewesen war, und in denen es zwei Profis schafften, dieses „Extra“ aus den Dialogen herauszuholen. Kein Wunder, dass Sina sagte, ich sei den übrigen Proben mit stellenweise grenzdebilem Grinsen gefolgt.

Hier übrigens nochmal der Facebook-Link zur Aufführung in Nürnberg. Eine Übersicht über alle Aufführungen der „100 Jahre“ gibt’s hier.

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