Wo ist die Geschichte?

Im Rahmen unseres nächsten Projekts betreibe ich gerade ein wenig Recherche.1 Dazu gehört auch, dass ich letztens Hamlet geschaut habe, und Sina hat nicht zu Unrecht betont, was für eine schwache Geschichte hinter dem berühmtesten Drama der Welt steckt.

Bei näherem Hindenken wurde mir bewusst, dass Hamlet damit nicht alleine dasteht, sondern dass Musicals und insbesondere Opern ähnlich funktionieren: Würden sich die Menschen dort auch nur ansatzweise vernünftig verhalten, wäre das Stück nach zehn Minuten vorbei, aber bekanntermaßen dauert eine Oper mindestens, bis alle tot sind. Das muss ja auch nicht schlecht sein, denn — und das ist die Take-Home-Message, die ich bekommen habe — die Geschichte ist bei dieser Sorte Produktion kein Selbstzweck, sondern ein „Substrat“, eine Matrix, die dazu dient, die Gefühle zu motivieren, die die Musik ausdrücken soll: Wenn nichts mit den Rollen geschieht, gibt es auch keinen Grund, in Gesang auszubrechen.

Von daher ist die Geschichte in diesen Fällen eine Reihe von „Steppping Stones“, anhand derer sich die Performance fortbewegt. Natürlich gilt das nicht in allen Fällen, ein Krimi ist ein Krimi, eine Komödie oft genug eine Komödie. Aber ich habe das Gefühl, dass Shakespeare beim Hamlet damit begonnen hat, viele clevere Monologe mit Einsichten in die menschliche Kondition zu schreiben, und erst als er damit fertig war, hat er sich eine Handlung ausgedacht, in deren offene Slots er diese „Kernelemente“ eingefügt hat. Und so wurde aus einer Reihe unzusammenhängender Gedichte ein Drama.

Eine interessante Erkenntnis, wie ich finde. Vor allem definiert sie meine Rolle als Autor neu.

  1. „Recherche“ ist, wie ich immer sage, ein großes Wort, das sich nicht wehren kann. Unterm Strich gucke ich Filme und lese in der Wikipedia. ↩︎

Es scheint sich zu bewahrheiten

Rückblende: Zwischen dem „Leutnant“ und der „XIII. Stunde“ lernte ich ein paar Einsichten — namentlich, dass es keine kleinen Projekte gibt, und dass man vorsichtig sein sollte, sich zuviel vorzunehmen.

Nach nicht allzulange Zeit, kamen mir dann die ersten Zweifel an meiner eigenen Weisheit, und natürlich vermochte ich es, die Zweifel auch auf den Rest unserer Truppe zu übertragen.

Langer Rede kurzer Sinn: Nachdem wir auch im Loft in Gostenhof gut gelitten waren und eingeladen wurden, wieder zurückzukehren, planen wir derzeit ein neues Projekt für das Frühjahr 2024.1 Noch vor der „Endstation„.


  1. Nur ein kleines. Ein ganz kleines. ↩︎

Kill Your Darling

Eine alte Weisheit besagt, dass die erste Idee oft nicht die Beste ist. Für Autoren gilt das natürlich umso mehr. Um euch eine Vorstellung davon zu geben:

Für die Musikrevue, die kommendes Jahr starten soll, wollen wir ein Programm von acht Spielszenen schreiben. Das „Autorentrio“, bestehend aus Verena, Pia und mir hat also erstmal digital die Köpfe zusammengesteckt und Ideen in einem großen Excel-Sheet gesammelt.

Da sind wir dann mal drübergegangen, haben die wenig brauchbaren Ideen herausgefiltert und die anderen „gepoolt“ um festzustellen, ob mehrere Geschichten sich um ein ähnliches Thema drehen würden. Damit sind wir dann in die nächste Runde gegangen und haben die Ideen noch einmal etwas verfeinert. Im Anschluss daran haben wir versucht, eine einigermaßen ausgewogene Mischung zu finden aus „freifliegendem Quatsch“, ernsthafen und tiefsinnigen Geschichten, freilich ohne zu deprimierend zu werden.

Nachdem wir auf diese Art und Weise eine Art „Rahmenprogramm“ fertig hatten und die potenziellen Storys an die einzelnen Autoren verteilt haben, sind wir noch einmal in Klausur gegangen und mit uns zu Rate gezogen: Kann ich aus der Idee wirklich was machen? Lässt sich das in fünf bis zehn Minuten auf die Bühne bringen, oder langweilt das die Leute nur?

Und so sind wir inzwischen bei einer Reihe von neun Geschichten gelandet (eine mehr als vorgesehen, aber so isses halt), für die wir jetzt erstmal Skripte schreiben wollen, um das Thema „Leben und Tod“ aus den verschiedensten Blickwinkeln zu behandeln. Vermutlich ist das noch nicht das letzte Wort, denn bisher waren Regie und Produktion nur am Rande eingebunden, und die werden auch noch ihre Vorstellungen zu der Revue haben, sei es, weil sie manche Dinge nur schlecht auf die Bühne bringen lassen, oder dass wir in unserer Selbstverliebtheit doch die eine oder andere Schwäche in den Geschichten übersehen haben. Das ist zumindest die Erfahrung aus Frau Luna

Und, wichtig dabei ist eben, nicht zu sehr an den eigenen Ideen zu hängen, sondern es einzusehen, wenn sie in einer Besprechung nicht so gut funktionieren, wie man sich das im eigenen Köpfchen vorgestellt hat. „Kill Your Darling“ ist dann das Motto der Stunde, und ich glaube, es unterscheidet die guten Autoren von den mittelmäßigen, dass sie in der Lage sind, in den sauren Apfel zu beißen und ihre Lieblinge über den Jordan zu schicken. Bei uns haben von cirka 70 mehr oder weniger detailliert ausgearbeiteten Ideen gerade mal neun überlebt.

Jazzstudio Nürnberg und Sonnie Ronnie & The Shotguns

Vor einiger Zeit habe ich hier immer mal wieder auf lokale Talente hingewiesen und nicht nur auf die eigene Arbeit, das ist leider in den letzten Monaten (komm, seien wir ehrlich: Jahren) ziemlich eingeschlafen.

Dafür hat mich Sina letztes Wochenende mal wieder auf ein „Mystery-Event“ mitgenommen, das ist ein kleines Pärchenbrauch, bei dem wir einander einladen ohne dem anderen zu sagen, was auf dem Programm steht. Das kann ein Städtewochenende sein oder weniger aufwändig der Besuch in einer neuen Location. Der jeweils andere bekommt eine Ansage, wann und wo er sich einzufinden hat, und vielleicht noch einen Hinweis zum Dresscode — ob es eher ab in die Berge oder zu einer Vernissage geht.

Diesmal wusste ich vorher nur, dass ich mich gegen 20:00 fertig machen sollte zu einem Abend in der Ostvorstadt Fürths1 in entspannter Garderobe. Sina hat mich dann zum Jazzstudio geführt, wo an dem Abend Sonnie Ronnie & the Shotguns ein Konzert gaben. Das Jazzstudio kannte ich vorher nicht, und ich war sehr geflasht von der Atmosphäre — eben so wie man sich einen alten Jazz-Club vorstellt, in verwinkelten unterirdischen Kavernen (die wohl mal unglaublich verraucht gewesen sein würden), in denen Rotwein und Bier die Musik begleiten. Es war ein sehr stilvolles Ambiente, und ich hab mich sehr in die Sechziger zurückversetzt gefühlt. Einziges Problem: Man muss wissen, wo man hin will. Der Eingang ist schon recht versteckt.

Sonnie Ronnie und seine Kumpels haben dann zwei Stunden lang alles gegeben. Ich kannte die Band vorher nur vom Namen, und sie haben sehr bodenständigen und unprätentiösen Blues-Rock vom Power-Trio abgeliefert; die drei kann ich jederzeit uneingeschränkt empfehlen. Horcht mal rein, wenn sie in der Gegend wieder spielen!

  1. Nürnberg ↩︎

Leere Blätter

Die XIII. Stunde ist abgespielt, wir hatten auch im Loft wieder ein praktisch ausverkauftes Haus, und der Rauch über dem Schlachtfeld klärt sich.

Was ihr oben seht, ist der treue Klemmhefter, den ich seit dreißig Jahren verwende, um darin Manuskripte durch die Gegend zu tragen — die Manuskripte der „Stunde“ habe ich in mein kleines Archiv gelegt, natürlich unterschrieben von allen Beteiligten, und nun geht die Arbeit los am nächsten Projekt. Aber auch wenn die Vorarbeiten laufen, ist das alles noch graue Theorie, und es gibt viele Ideen und Konzept, aber noch keine einzige Regieanweisung, kein einziger Satz des Dialogs.

Aber wir werden die Seiten dieses Buches füllen, und ich freue mich schon darauf, das wieder zusammen mit Verena und Pia zu machen, die mit von der Partie sein wollen!