Das Fundament und das Haus

Die Erfahrung der letzten Jahre als Autor inmitten diverser Schauspiel- und Hörspielgruppen hat mich etwas Bescheidenheit gelehrt.

In „eitlen Stolz der Intellektualität“ dachte ich früher immer, das Skript sei schon so gut wie die fertige Produktion — Es „steht doch alles drin“, und Regie und Schauspieler müssen den Text nur noch umsetzen.

Nun ist es mir jedoch vergönnt, bei LightsDownLow („‚e.V.‘ — soviel Zeit muss sein“ ;-)) mit einem fantastischen Team zusammenzuarbeiten. Unsere letzte Vorstellung der „XIII. Stunde“ steht ja kommenden Dienstag bevor,1 und so haben wir uns gestern noch einmal zu einer „Auffrischungsprobe zusammengesetzt. Ich war tatsächlich hin und weg von der Entwicklung, die unsere Sprecher in den letzten Monaten und Jahren gezeigt haben, nicht nur rein technisch wie mit einner sauberen Aussprache, angemessenem Sprechtempo und einer lauten Projektion, sondern auch künstlerisch. Anfangs hatte wollte ich die Probe noch unterbrechen, wenn es mal wieder zu einem dummen Spruch oder albernen Witzchen kam, weil ich fürchtete, die Stimmung könnte darunter leiden. Tatsächlich war es aber so, dass alle unsere Sprecher ausnahmslos, schnipp, einfach so, wieder in ihre Rolle schlüpften, und „drin“ waren in ihrem Spiel, sei es nun dramatisch oder tragisch angelegt.

Jedoch, ich schweife ab. Die Zusammenarbeit mit diesem Team zeigt mir immer mehr, wie wertvoll es ist, sein Skript engagierten und fähigen Leuten zu übergeben. Ein ums andere Mal wunderte ich mich, was anscheinend alles in diesen Texten drin steht, was mir gar nicht bewusst war, aber Regie und Sprecher brachten es ans Licht. Und zuletzt wurde mir klar, dass die Show auf der Bühne nur zu einem gar nicht so großen Teil vom Skript bestimmt wird. Vielmehr ist das Skript nur das Fundament, auf dem die Performance aufbaut. Natürlich können die besten Schauspieler nichts aus einem schlechten Skript machen. Aber das Skript selber ist eben nur das — dürres Papier voller Worte, denen das Ensemble Leben einhauchen muss. Und was für ein Leben das sein kann, mit der rechten Mannschaft! Dann erwacht diese Geschichte, genauso wie das rechte Fundament als Unterbau für die fantastischsten Kathedralen dienen kann, die ihre Besucher in Ehrfurcht und Staunen versetzen.

Aber das Skript ist eben nicht die Kathedrale, sondern nur deren Grundlage, und ich bin dankbar, die Arbeit des Teams erleben und verfolgen zu können.


  1. Und ist toll verkauft — es gibt allerdings noch Tickets für das Loft. ↩︎

Innen, außen…?

Am Wochenende feierten wir die ersten beiden Aufführungen unserer Live-Hörspiele bei der „XIII. Stunde„. In einer der Geschichten wird Hofnarr Pym von Prinzessin Ligeia gefragt, ob sie durch die um sie herum wütende Pest auf ihrer Festung Gefangene seien. Pym versucht, ihre Lage zu erklären, indem er meint, „indem wir uns hier einschließen, schließen wir die Welt dort aus“.

Überaus spannend fand ich, dass eine unserer Zuhörerinnen uns später Feedback zu dieser Passage gab:

Beim letzten Stück hat mir vor allem der Gedanke gefallen „wer andere aussperrt, sperrt sich ein“ – der Gedanke kam mir nämlich angesichts des Wunsches so mancher Zeitgenossen „Deutschland dicht zu machen gegenüber Flüchtlingen“ .

An sich war das nicht der Gedanke, sondern Pyms Bemerkung spielte tatsächlich auf die Seuche an, aber — was der Zuhörer aus dem Stück mitnimmt, war wohl in dem Stück. 😉

Allerdings fand ich mich durch die Bemerkung an eine der Szenen in „Bajuwahr“ aus dem Jahr 2018 erinnert. Dort ging es tatsächlich um die Flüchtlingskrise von 2015/16, und als Antwort auf die Forderung, die Grenzen dicht zu machen, ließ die Protagonistin damals einen ganz ähnlichen Satz fallen: „Wenn wir nach außen dicht machen, dann kriegen wir von der Welt nichts mehr mit.“

Interessant, welche Wendungen Sätze und ihr Kontext nehmen können. Und nicht vergessen: Am 21.11. spielen wir nochmal, diesmal im Loft in Gostenhof — dort könnt ihr euch dann die fraglichen Sätze selber anhören.

Geschwätz von gestern

Vor wenigen Tagen sprach ich noch über meine beiden weltbewegenden Erkenntnisse, dass es keine kleinen „Zwischendurch-Projekte“ gibt, und dass man keine zwei Projekte unmittelbar aufeinanderfolgend planen sollte.

Nach der Premiere der „XIII. Stunde“ am letzten Samstag wurden wir dann prompt von einer neuen Location angesprochen, ob wir nicht mal vorbeikommen und bei denen ebenfalls eine Show aufführen wollten.

Mal schauen, wie die Halbwertszeit meiner guten Vorsätze sich entwickelt.

Ausverkauft!

Gestern fand unsere zweite Vorstellung der „XIII. Stunde“ statt, und zwar in der gar nicht mal so kleinen Kofferfabrik in Fürth. Und, was soll ich sagen, alle 70 Tickets waren ausverkauft, und wir konnten unsere Show vor vollem Haus präsentieren — ein First für LightsDownLow, glaube ich.

Ich muss das erst noch verdauen. Kann es wahr sein, dass wir nicht nur Freunde und Kollegen eingeladen bekommen, sondern dass wir inzwischen ein eigener, wenn auch kleiner Name im Kulturleben der Mittelstadt Fürth sind…?

Es gibt keine kleinen Projekte.

Eines Tages, wenn ich mein Buch „Bühnenprojektmanagement für Anfänger“ schreibe, wird diese Erkenntnis weit vorne stehen: Es gibt keine kleinen Projekte.

Morgen soll es an die Premiere der „XIII. Stunde“ gehen, und die Vorbereitungen laufen bis auf die kleineren und größeren, aber immer zu erwartenden Sötrungen okay. Nichtsdestotrotz sind die letzen Wochen unglaublich anstrengend gewesen. Ich für mich persönlich fühle mich komplett ausgelaugt und will nur noch am Beckenrand anschlagen, bevor ich komplett absaufe, und wenn ich mich im Team umsehe, ist das bei den anderen genauso. Ich will nicht glauben, dass der Grund für die steigenden Krankheitszahlen nur die Erkältungssaison ist…

Zum einen liegt die Ermüdung in meinen Augen daran, dass wir aus Termingründen die „XIII. Stunde“ back-to-back mit dem „Fall des einsamen Leutnants“ produzieren mussten (streng genommen begannen die Proben für die „Stunde“ sogar schon, bevor der „Leutnant“ abgespielt war). Zum anderen, und das ist vermutlich noch wichtiger, unterlag ich dem Irrtum, die „Stunde“ sei ja nur „ein kleines Projekt“.

Geplant waren zwei kleine neue Hörspiele plus eine Wiederaufnahme der „Maske des Roten Todes„. Was sollte also schon schiefgehen, zumal wenn wir die Produktion auf drei Sub-Teams mit drei Regisseuren verteilen?

Bei der „Maske“ zeigte sich relativ bald, dass ein Großteil der alten Cast nicht mehr verfügbar war. Stefanie, die dort Regie führt, musste also eine neue Truppe zusammenstellen, und wenn auch die Geräusche aus der alten Produktion noch vorhanden waren, so musste sie bei der Führung ihrer Sprecher doch weitgehend wieder bei Null beginnen. Für die beiden anderen Geschichten, „Meine Freundin Em“ bzw. „Danke für deine Treue“ hatten wir die Idee, jeweils eine neue Autorin bzw. eine neue Regie einzusetzen um die Last auf mehreren Schultern zu verteilen und unseren Stamm an Talenten zu vergrößern.

Während letzteres gelang (glaube ich), sind wir bei ersterem natürlich einem Irrtum unterlegen, denn ein Team zu vergrößern erhöht naturgemäß immer erst einmal den Kommunikationsaufwand, anstatt ihn zu reduzieren, denn die neuen Leute müssen „auf Linie gebracht“ werden, das heißt, sie müssen in die Prozesse eingeführt werden, sie müssen vertraut mit unserer Arbeitsweise werden und, nicht zu vergessen, an das neue Metier „Hörspiel“ herangeführt werden. So haben wir hoffentlich langfristig unsere Arbeitslast reduziert, aber kurzfristig hat sie sich erhöht.

Dazu kommt, dass auch bei vermeintlich kleinen Projekten der Overhead bestehen bleibt. Die Finanzsituation ist einigermaßen entspannt, da wir in der Produktion fast keine Kosten außer den Locations haben und nicht mit Förderern und Sponsoren verhandeln müssen. Aber Werbung, Social Media und PR bleiben natürlich trotzdem weitgehend in unserer Verantwortung, wenn wir nicht vor leerem Haus spielen wollen (und wir wollen bei unseren Locations natürlich in guter Erinnerung bleiben), ebenso wie bei einem „großen“ Projekt. Das wurde auch nicht leichter dadurch, dass die „Stunde“ in drei verschiedenen Locations aufgeführt wird, so dass wir mit drei Veranstaltern wegen der Bühnentechnik, der Tickets etc. in Kontakt bleiben mussten.

Hinterher ist man immer klüger. Immerhin, ich habe mir für die Zukunft gemerkt, dass es keine „Zwischendurchprojekte“ als Lückenfüller gibt, sondern dass jedes Projekt die volle Aufmerksamkeit und die volle Arbeitskraft erfordert. Nun aber wieder den Blick nach vorne, auf unsere Premiere der „XIII. Stunde“. Es gibt noch Tickets, ihr könnt euch also selbst überzeugen, was an meinem Lamento wirklich wahr ist.


Korrollar: Mach keine Projekte back-to-back, sondern gib den Leuten zwischendurch ein wenig Zeit zum Atmen.